Magazin / Interview 

Gegen den Strom 

"Wir legen den Fokus auf den Boden und die Rebsorten Riesling, Chardonnay und Pinot Noir. Sie spiegeln den Boden optimal wieder. Und es ist einfach so, dass uns das am besten schmeckt!"

Gabriel Scheuermann aus Niederkirchen in der Pfalz über den Kern der Betriebsphilosophie.

Schon heute stehen die Weine der Gebrüder Scheuermann stellvertretend für die neue Pfalz. Naturweine aus biodynamischer Erzeugung, die geschmacklich nicht direkt als Naturweine identifizierbar sind. Knochentrockene Gewächse mit niedrigen Alkoholwerten.

Im Kampf gegen den Klimawandel gehen Simon und Gabriel dabei einen beinahe revolutionären Weg. Während zahlreiche Winzer den Fokus auf mediterrane Sorten wie z.B. Merlot legen, konzentrieren sich die Brüder auf temperatursensible Rebsorten wie Riesling, Chardonnay und Pinot Noir.

Wir haben Gabriel Scheuermann gefragt, inwiefern ihn der Klimawandel bereits betrifft und wie sich das Weingut für die Zukunft aufstellen möchte.

ZUR KOLLEKTION
Familie Scheuermann

Gabriel (links) und Simon (2. v. links) übernahmen 2015 das elterliche Weingut in Niederkirchen. Aus einem BIO-Weinbaubetrieb formten sie mit ihren biodynamischen erzeugten, puren und kristallinen Weinen innerhalb kürzester Zeit einen Hot-Spot der weltweiten Naturweinszene.

Interview

Schicke Weine
Im Vergleich zu anderen deutschen Weinbaugebieten, herrscht in der Pfalz geradezu südländisches Flair. Es wachsen Zitronen, Kiwis und Mandelbäume. Welche klimatische Sonderstellung nimmt die nördlichen Pfalz ein?

Gabriel Scheuermann
Es ist schon richtig, dass im Vergleich zu anderen deutschen Anbaugebieten in der Pfalz ein mediterranes Klima herrscht. Zwar ist es in Baden nochmal ein wenig wärmer, doch dafür gibt es dort auch mehr Niederschlag.

Bei uns in der nördlichen Pfalz ist es so, dass die Berge der Mittelhaardt eine Schutzwirkung einnehmen. Somit haben wir kaum bis keine starken Unwetter, sind größtenteils windgeschützt und haben dafür den Nachteil, dass es einfach weniger regnet. Wir liegen an der Hochkante des Pfälzer Waldes, das heißt es regnet hauptsächlich im Wald, statt in den Weinbergen.

Im Vergleich dazu gibt es in der Südpfalz mehr Regen als bei uns. Denn ab Neustadt an der Weinstraße geht das Mittelhaardtgebirge 50 Meter nach vorne und es regnet sich dahinter ab. Erst ca. 30 km weiter nördlich, bei Grünstadt, gibt es wieder mehr Regen.

Dann ist also das Mittelhaardtgebirge ausschlaggebend für das vorherrschende Klima. Wenn ich mir andere Regionen in Europa anschaue, haben Klimaveränderungen bereits einige Neuerungen angestoßen. Es ist zu beobachten, dass es eine Süd- Nord-Verschiebung der Rebsorten gibt. Ein aktuelles Beispiel ist das Bordeaux, das nun die portugiesischen Rebsorten Alvarinho und Touriga Nacional zugelassen hat. Warum baust du gerade auf die cool-climate Rebsorten Riesling, Pinot Noir und Chardonnay?

Wir legen den Fokus auf den Boden und die Rebsorten Riesling, Chardonnay und Pinot Noir. Sie spiegeln den Boden optimal wieder. Und es ist einfach so, dass uns das am besten schmeckt!

Wir haben ein gutes Klima und jede Rebsorte in der Pfalz wird reif. Natürlich hat das Vor- wie Nachteile. Wenn man bedenkt, dass Weingüter früher 50 bis 60 verschiedene Positionen an Wein hatten, meist halbtrocken oder lieblich, fehlt es der Pfalz etwas an Profil. Zumindest ist es nicht so klar definiert wie z. B. an der Mosel mit Riesling oder im Burgund mit Chardonnay und Pinot Noir.

In den Anbaugebieten Rheinhessen und Pfalz gedeiht einfach alles optimal, das trifft auch auf Merlot und Cabernet-Sauvignon zu.

Hast du dann keine Bedenken, dass sich das mal ändern könnte und Riesling sowie Pinot Noir durch Klimaveränderungen in ihrer Eleganz einbüßen?

Nein, da hab ich keine Sorge. Natürlich müssen wir auch etwas dafür tun und das betrifft in erster Linie die Arbeit im Weinberg. Zum Einen müssen wir für mehr Begrünung zwischen den Reihen sorgen, um die Vitalität des Bodens zu steigern und dadurch den Humus zu verbessern.

Zum Anderen nutzen wir andere Unterlagsreben und Rebsorten-Klone. Wir pflanzen auch mehr Stöcke pro Hektar. Dadurch treten die Reben miteinander in Konkurrenz. Das zwingt sie, tiefer in die Erde zu wurzeln wodurch sie von ganz alleine an ausreichend Nährstoffe und feuchte Erdschichten kommen.

Das Weingut Scheuermann bei der Lese

Eine höhere Konkurrenz bedeutet doch für jede Rebe auch einen größeren Energieaufwand. Ist die Grünlese ein geeignetes Mittel, die Kraft der Rebe auf die Versorgung einiger weniger Trauben zu bündeln?

Die Grünlese (das Entfernen grüner Trauben) muss zu Beginn durchgeführt werden. Dies gilt jedoch nur für die jungen Reben. Ältere Stöcke regulieren ihren Ertrag ganz natürlich.

Worauf müsst ihr bei der Anlage von jungen Reben sonst noch achten?

Bei jungen Reben verzichten wir eventuell auf Begrünung zwischen den Reihen oder lassen mal eine Reihe aus. Denn Begrünung bedeutet auch Konkurrenz um Nährstoffe und Wasser.

Dafür schauen wir lieber auf eine offene Bodenhaltung und eine fruchtbare Bodenabdeckung mit Mist. Wir kennen die Standorte aller Lagen sehr gut. So ist es nur logisch, dass der Fokus auf dem Bodenmanagement liegt.

Inwiefern stellt die biodynamische Bewirtschaftung eine Lösung für die zunehmende Klimaveränderung dar?

Also wir sind der Meinung, dass ein Boden langlebig sein muss. Das Ziel ist es, einen fruchtbaren Boden zu schaffen und diesen zu erhalten. Durch die gute Durchlüftung und die erhöhte Wasserspeicherkapazität, beugen wir dem Trockenstress vor. Zudem stärken wir dadurch das Immunsystem unserer Reben und machen sie widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten. 

Höre ich dann richtig heraus, dass Deiner Meinung nach der Riesling, die Kulturrebsorte Deutschlands, in der Pfalz von der Klimaveränderung verschont bleiben wird?

Wir haben überhaupt keine Probleme mit dem Klimawandel. Riesling, sowie die anderen Rebsorten, reifen gut und es entstehen reife Weine, die sich ihre Frische bewahren.

Scheuermann - Riesling  gelber Sandstein
Scheuermann - Riesling  gelber Sandstein

 Terroir Pur 

2019
Scheuermann Riesling gelber Sandstein

Der knackig mineralische Riesling ist ein Paradebeispiel für die Philosophie der Scheuermanns. Straight, pur, kein Gramm Fett auf den Rippen, steinig und dennoch mit Fruchtschmelz versehen.

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Fasskeller im Weingut Scheuermann

Tauscht ihr Winzer euch untereinander eigentlich aus und teilt Erfahrungen, Gedanken und Sorgen?

Oh ja, wir haben einen starken, anregenden Austausch. Jeder sagt, was er denkt. Teils gewinnen wir auch Eindrücke durch Elternbetriebe, die biodynamisch arbeiten. 

Hast du auch schon mal vorsorglich mit einem Weingut aus Übersee telefoniert, das Riesling anbaut? Dort sind die Klimaverhältnisse ja bereits verheerend.

Das habe ich noch nicht gemacht, obwohl es sicherlich spannend wäre. Allerdings lassen sich die Gegebenheiten von dort nicht einfach auf uns übertragen. Da ist es besser, bei sich zu schauen und selbst eine Lösung vor Ort zu finden.

Auf den Etiketten eurer Weinflaschen ist der Boden vermerkt. Was hat es mit dem bunten und gelben Sandstein auf sich?

Diese zwei Bodenbeschaffenheiten sind typisch für die Pfalz. Da haben wir den Buntsandstein, den gibt es nicht so oft. Dennoch ist er klassisch für die Mittelhaardt. Der bunte Sandstein herrscht vorwiegend auf unseren Deidesheimer Lagen. Die Weine daraus sind eher reduktiver, mit einer klaren Rieslingfrucht. Sie erscheinen im Glas etwas grüner, wenn man so will, da die Lagen etwas kühler sind. Der gelbe Sandstein aus unseren Ruppertsberger Lagen, lässt Rieslinge mit einer gelbfruchtigen, etwas wärmeren Aromatik entstehen. Dazu trägt auch die exponierte Lage bei.